Zu viel Ware im Lager, Geld gebunden? Die Kartons im Flur
2026-10-13
Es ist Dienstagmorgen, kurz nach neun. Du stehst im Flur und kommst nicht an deiner eigenen Garderobe vorbei.
Links stapeln sich Kartons mit Keramiktassen, rechts die Versandtaschen, und hinter der Tür steht noch eine Palette, die der Spediteur gestern im Regen abgestellt hat. Du hast sie selbst bestellt. Damals fühlte es sich richtig an.
In zwei Tagen ist der Termin beim Steuerberater. Auf dem Küchentisch liegt der Zettel mit seiner Bitte: „Bringen Sie bitte eine Aufstellung Ihres Lagerbestands mit."
Du liest den Satz zum dritten Mal. Eine Aufstellung. Du hast ein Gefühl, aber keine Aufstellung.
Der Satz, der im Kopf kleben bleibt
Nennen wir sie Jana. Sie ist erfunden, aber vielleicht kennst du sie. Jana verkauft handgetöpferte Tassen und kleine Geschenksets, online und samstags auf dem Wochenmarkt. Sie ist seit drei Jahren dabei, und es läuft ganz ordentlich.
Trotzdem ist das Konto Ende des Monats jedes Mal dünn. Das verstehst du nicht. Die Bestellungen kommen doch. Das Paketband ist ständig leer, der Drucker surrt.
An diesem Morgen öffnet Jana ihre Excel-Liste. Sie hat sie mal mit Stolz angelegt. Inzwischen hat sie vier Reiter, zwei davon heißen „neu" und „neu_final". Eine Zeile ist gelb markiert, aber sie weiß nicht mehr, warum.
Sie tippt auf die Zahl bei den kleinen Espressotassen: 140. Dann geht sie in den Flur und zählt nach. Es sind 212.
Das ist der Moment, in dem sich der Magen kurz zusammenzieht. Nicht aus Panik, eher so, wie wenn man merkt, dass man seit Wochen einen Schlüssel in der falschen Tasche trägt.
Was im Karton wirklich steckt
Jana rechnet im Kopf, und das tut weh. Die Espressotassen hat sie im Frühjahr in großer Menge bestellt, weil der Preis pro Stück bei der größeren Menge so verlockend war. Und weil sie im März einmal drei Wochen lang ausverkauft war und sich geschworen hat: nie wieder.
Also hat sie reichlich nachgelegt. Von den Sets mit Untersetzern auch. Und von der Glasur in Salbeigrün, die auf Instagram so gut ankam.
Nur dass die Salbeigrünen sich seit Wochen kaum bewegen.
Das Geld, das sie dafür ausgegeben hat, ist nicht weg. Es steht im Flur. Es ist in Pappe gewickelt, und es zahlt keine Miete und keine Sozialversicherung. Auch die Rechnung für die Verpackung am Monatsende zahlt es nicht.
Das ist das Stille an diesem Problem. Zu wenig Ware merkst du sofort, weil die Kundin schreibt: „Ist das noch lieferbar?" Zu viel Ware dagegen flüstert nur. Sie sieht ordentlich aus. Sie fühlt sich fast nach Fleiß an. Und doch nimmt sie dir Luft.
Der Anruf mit der Schwester
Am Mittag ruft Janas Schwester an, die in einem Büro arbeitet und gern fragt, wie es „mit dem Laden" läuft.
„Gut", sagt Jana. „Viel los."
Das stimmt ja auch. Nur sagt sie nicht dazu, dass sie beim Reden mit dem Fuß einen Karton verschiebt, um ans Fenster zu kommen. Und dass sie sich ein bisschen schämt, weil eine „richtige" Geschäftsfrau das bestimmt im Griff hätte.
Genau da liegt der Kern. Es geht gar nicht um die Tassen. Es geht um das Gefühl, nicht zu wissen, was man eigentlich besitzt. Und darum, dass man jede Entscheidung aus dem Bauch trifft, weil der Überblick fehlt.
Der Moment, in dem es leiser wird
Am Abend sitzt Jana nicht länger an der Liste. Sie macht etwas Ungewohntes: Sie schreibt auf einen Zettel nur drei Fragen.
Was habe ich wirklich da? Was davon bewegt sich? Und wann muss ich was nachbestellen, nicht „irgendwann", sondern wirklich?
Mehr nicht. Und plötzlich merkt sie: Das sind keine Fragen für einen Steuerberater. Das sind Fragen für sie selbst. Die Antworten müssten gar nicht kompliziert sein. Sie müssten nur an einem Ort stehen, den sie ohne Magengrummeln öffnen kann.
Sie braucht keine Software mit Dutzenden Menüs. Sie braucht eine ruhige Übersicht, die sagt: Das ist da, das hat sich gelohnt, das kann noch warten.
Ein einfaches System nimmt dir keine Entscheidung ab. Aber es gibt dir die Zahlen, bevor du entscheidest, nicht danach.
Ein Montag, der anders anfängt
Stell dir vor, es ist ein paar Wochen später. Montag, kurz nach acht, der Kaffee ist noch zu heiß.
Du öffnest eine einzige Datei. Du siehst auf einen Blick, was im Regal und im Flur liegt und was davon schon ein paar Wochen nicht angefasst wurde. Du siehst, welche Tasse bald knapp wird. Das merkst du nicht erst, wenn die Kundin fragt.
Du bestellst diesmal weniger Salbeigrün und etwas mehr von dem, was wirklich läuft. Du schiebst die Bestellung bei den Espressotassen um ein paar Wochen nach hinten, ohne dass dir dabei das Herz klopft.
Und der Flur? Der Flur ist wieder ein Flur. Du kommst an der Garderobe vorbei, ohne den Fuß zu benutzen.
Der Termin beim Steuerberater ist kein Verhör mehr. Du legst eine saubere Übersicht auf den Tisch und sagst ruhig: „Hier ist, was ich habe." Was daraus steuerlich folgt, klärst du mit ihm. Du brauchst nur nicht mehr zu raten, was auf deiner Seite steht.
Wenn du dich im Flur wiedererkennst
Vielleicht ist es bei dir keine Keramik. Vielleicht Kerzen, Stoffe, Kaffeebohnen, Druckpapier, Ersatzteile. Der Moment ist derselbe: Du stehst vor Ware und weißt nicht genau, wie viel Geld darin steckt.
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